Naar aanleiding van de eerste verjaardag van het overlijden van de Duitse schrijver Günter Grass, zou ik nog even de aandacht willen vestigen op dit artikel van Ludger Jorissen uit “Die Zeit” van 23 november 1990. Ik moet evenwel toegeven dat ik mij volledig op de scan verlaat, want mijn eigen Duits is te slecht om zo’n tekst “op het gezicht” te verbeteren en om nu woordje voor woordje te gaan nakijken, dat leek me dan weer een beetje te veel gevraagd…

IMG_0002Ein „Van-Gogh-Roman” sei das, so steht es auf der roten Bauchbinde um das dicke Buch. Dieser Hinweis ist ein geschickter Zug, denn Louis Paul Boon (1912 bis 1979) hat sein Werk „Abel Gholaerts” weder entsprechend untertitelt, noch heisst der Held wie der niederländische Maler, dessen hundertster Todestag in diesen Sommer fiel.
Zu Beginn des Romans, Miste des vorigen Jahrhunderts, treten die Brüsseler Brüder Eduard und Vincent van Geem auf – doch selbst dieser vermeintliche Anklang ist eine Täuschung, denn dies ist erst die Elterngeneration. Eduard wird Buchhändler, Vincent Geistlicher. Als jonger Kaplan wird er in „die Provinz versetzt und lernt auf dem Weg dorthin ein Dorfmadchen kennen. Diese Anna heiratel bald den gek- und sehbehinderten Germain Gholaerts, kurze Zeit später brings sie einen Sohn zur Welt, der Abel heisst.
Weil Germain ins Gefangnis wandert, als Päderast, wie der Leser erst am Ende des Buches erfährt, kümmert sich Vincent um das Kind. Es bleibt unklar, ob Abel, der sich vom nachgeborenen Bruder Theo durch Wesen und Auftreten unterscheidet, ein des Priesters ist. Doch in seiner Introversion Hhnelt das Kind Germain – und wird schon sehr bald wegen eines Verdachts auf Homosexualität der katholischen Klosterschule verwiesen.
In der Brüsseler Buchhaldung seines nur mäflig erfolgreichen Onkels Eduard beginut Abel zu arbeiten, ohne sich ins Geschaft oden auch nur in die kleine Familie einfügen zu kennen. Er ziekt zu einer älteren Frau und lauft aus Entsetzen vor sich selbst davon, als er sexuelle Begierde nach ihr verspunt. Mit dem erneuten Versuch, in der geistlichen Lehranstalt seiner Kindheit zum Priester ausgebildet zu werden, setzt éin Kreislauf des Elends ein, die Boons Prosa das Etikett „Miserabilismus” eingetragen hat. Abel betätlgt sich nach seiner Flucht als freischaffender Seelsorger und begegnet von da an stets erneut ehemaligen Weggefahrten, denen das Leben mindestens so libel wie ihm mitspielt: einero entlaufenen Pastor als Landstreicher, einero ehemaligen Mitschüler als Hilfsarbeiter, seiner Vermieterin als Prostituierter und Alkoholikerin.
Damit verschrankt ist auf einer driften Ebene das allen Kindszeugungen zum Trotz fortschreitende Aussterben des Geburtsortes Paddenhoek. Eine Freundin von Anna und Vincent stürzt sich wegen unehelicher Schwangerschaft in eine Jauchegrube, Germain taucht als Transvestie in Brussel unter, urn Schriftsteller zu werden, und die Elterngeneration tritt lautlos ab, onbemerkt von den eigenen Kindern: „Ach ja, Abel, was ich noch sagen wollte, deine Mutter, Anna, die ist genade gestorben, bevor ich herkam. Sie safl tot im Sessel, und niemand hat es bemerkt, niemand hat es gewufiC,
Theo tritt als Ladengehilfe des Onkels in Abels Fufistapfen und konsolidiert das Geschaft durch die Errichtung einer Leihbibliothek. Er ist eine et-was gefestigtere Erscheinung als sein Bruder, aber zu labil, als dag er dessen Forderungen gewachsen ware: „Hilf mir, Theo, hilf mir. Und noch eins: Ich will Maler werden. Das ist meine Berufung. All mein Leid, meine Zweifel und meine Ratlosigkeit mug ich aussprechen kennen. Hilf mir und retie mich und zahle meine Schulden hier.” Auch die dekadenten Bucher seines Vaters schockieren Theo. Während Germains Delikt erst sehr weit am Ende angedeutet wird, kommt die Vaterschaft des Priesters Vincent überhaupt nicht zur Sprache.
Solche Eigenheiten haben Boon bei seinem Kollegen und Vorbild Willem Elsschot (1882 bis 1960) den Vorwurf des rückständigen Antimodernismus eingetragen. Von dieser Auseinandersetzung handeln das Nachwort des Herausgebers und die Briefe Boons an seine Verlegen, die dem Buck vorweggestellt sind. Tatsächlich ist der komplexe Roman innerhalb Boons Oeuvre noch am konventionellsten, aber gewagter und aktueller als das, was die belgischen Kollaborateure im Erscheinungsjahr 1944 geschrieben haben.
Ein Jahr später, nach Kriegsende, erscheinen in diversen Zeitungen und Zeilschriften die ersten Teile aus Boons Roman liber den Friedhofs-Steinmetz Oscar und dessen Werben urn eine Frau, die sich ihm trotz Heirat pie völllg anvertraut. Während Boon sich bemüht, als Journalist bei verschiedenen sozialistischen Zeitungen ein festes Einkommen zu erhalten, lebt er voor Honorar fur die Vorabdrucke, deren Zahl in die Hunderte gekt. Eigentlich katte er schon mil diesem Roman, der 1953 unter dem Titel „De Kapellekensbaan” herauskam und 1956 von „Zomer te Ter-Muren” fortgesetzt vuurde, das Burgerrecht in der deutschen Literator verdient.
Die meisten Helden seines Hauptwerks kämpfen darum, den verlogenen Ansprüchen des Kleinbürgertums Genüge zu leisten. Oscars Schwager ver-weigert sich jedoch dem Daseinskampf und bleibt auf der Stufe eines Vierjahrigen steken, während sein Schwiegervater keinen anderen Wunsch hat, als „unter Frauenröcken zu leben und zu sterben”. Doch als Gunter Grass 1959 seinen “Steinmetz Oskar mit k” schreibt, Nebenfiguren umbenennt, die Geschichte von einer Brüsseler zur Danziger Vorstadtstrasse verlegt und den flamisch-walonischen gegen den deutsch-polnischen Konflikt austauscht, streicht er allein den Ruhm ein.
Schon vor der „Blechtrommel” aber holt Boon bis zum neunzehnten Jahrhundert aus, last unklar, wen wessen Valer ist, beschreibt den von Industrieanlagen beschränkten Horizont der kindlichen Helden und erzählt, dag die Mutter im Zweiten Weltkrieg in einer ähnllch widerlichen Szene Ölsardinen verschlingt wie die „arme Mama” in Danzig. Die „Blechtrommel” enthält sogar ein wörtliches Zitas: in Anlehnung an die Nebenfigur Maria aus „De Kapellekensbaan” bekommt Maria Truczinski den Beinamen „Maria, das Naturkind”.
Auch den Wechsel des Erzähler-Ich mit anderen Personen Bowie die Verschachtelung der Vorkriegshandlung als Roman im Roman hat Boon schon vorweggenommen. Schliefilich offenbart ein Vergleich mil der „Urtrommel” von Grass, die im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg aufbewahrt ist, dag viele der genannten Einzelheiten erst in der Pariser Ausarbeitung der „Blechtrommel” hinzukommen. Die von den Germanisten bemängelten Widersprüche und offensichtlich unstimmigen Aassagen in Grass’ Briefen aas dieser Zeit vertu-schen vielleicht, was nur Oskar Matzerath im Roman verrät: „Merkwürdigerweise erwartete ich von der Literator mehr Anregungen als vom hackten, tatsächlichen Leber.”
Die literarische Vorlage ist bis heure nicht bemerkt worden, welt die deutschen Übersetzungen „Eine Strasse in Ter-Muren” (1970) und „Ein Mädchen in Ter-Muren / Sommer in Ter-Muren” (1986) nur Auszüge bieten. Eigentürnlicherweise wurde auch im niederlandischen Sprachraum niemand auf die Ahnähichkeiten aufmerksam, und Boon selber, der im Jahr des deutschen Oberfalls auf Belgien eine Zeitlang Kriegsgefangener in Fallingbostel war, hat seitdem kein deutschen Buch mehr gelesen. Dennoch sollte man nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern auf das Werk eines Schriftstellers aufmerksam werden, der als Kandidat fur den Nobelpreis 1972 ernsthaft mit Heinrich Boll konkurrierte.
Boons Romandebüt „De Voorstad groeit” (Die Vorstadt wächst) wurde 1942, mitten im Krieg, als Manuskript preisgekrönt und eröffnete ihm durch die Jury den Zugang zu Schriftstellern und Verlegern. „Abel Gholaerts” ist Boons Zweitling, später sollte der mit dem Zusatztitel „Das Talent” erschienene Teil durch den Band „Das Genie” fortgesetzt werden.
Vielleicht harte sjick dort offenbart, ob der Name Abel auf einep Kain doch Bonst enthält der Roman trotz seines offeren Aasgangs nirgendwo blinde Motive. Den einzigen Obergriff auf van Gogh hat nicht Boon zu verantworten: ein Werbeplakat zu „Abel Gholaerts”, wo in Anspielung auf die bekannteste Irrsinnstat dem „Selbstbildnis mit grauem Filzhut” ein Ohr fehlt. Auf dem Bucheinband ist das Gemalde unversehrt, und es weisi subtil auf das versteekt eingebrachte Selbstportrait des Schriftstellers hm.
Mit der Wahl diesel „naturalistischer” Frühwerks hat der deutsche Verlag indirekt Stellung in eiher lebhaften Diskussion bezogen. Die in zwei Lager gespaltenen Boon-Forscher der Universltäten Nimwegen und Antwerpen führen seis Jahren eine aggressive Debatte darüber, ob die „soziorealistische” erste Phase (1940 bis 1956) oder die zeitlich weniger gut einzugrenzende „misanthropisch-symbolische” Epoche wichtiger sei.
Die Belgier vertreten die erste Annahme, die Niederländer die zweite, beide gestützt auf den unveröffentlichten Nachlafl oder auf peinlich anmutende Interviews mil Boons Witroe. Die an persönllche Verunglimpfung reichende Polemik uinfaflt bereits Duttende Artikel, ganz abgesehen davon, was in den internen Mitteilungen der Louis-Paul-Boon-Gesellschaft ausgetragen wird. Nicht sur gerat durch these Flügelkämpfe das immerhin aus 73 Titels bestekende Gesamtwerk Boons aus dem Blickfeld, auch das Ansehen seiner Person leidec. Der Streit fiber die Einteilung der Werkphasen verdeutlicht lediglich die Unzulänglichkeit eines rigider Methodismus, der mil Schablonen arbeitet.
Allein zwischen den beiden Banden des mei-sterhaften „Ter-Muren”-Epos hat Boon vier Romane ver6ffentlicht, eine Zeilschrift gegriindet und zahlreiche H6rspiele Bowie Reportages geschneben. Es bedarf mehr als simpler Polarisierung, um ein (Euvre zu gliedern, das beispielsweise auch von einero oft zuriicktretenden, aber nie v6llig verschwundenen autobiographischen Strang durchzogen ist.
Die Tabelle zuur Leber van Goghs, die der deutschen ,Abel- Gholaerts ” -Aus gab e beigegeben ist, verstella ein wenig den Blick darauf, dag eine Anfangsproblematik um den Z611bat erst durch eine Transposition des Geschehens ins katholische Belgien entstand: Van Gogh war wirklich der Sohn eines Pastors. Die fur den Maler so pragende Reise nach England entfallt im Roman, start dessen Bind Boons Erfahrungen mil eiser privaten Leihbibliothek eingefiIgt, und auch die bizarre Sexualitit entstammt seiner eigenen Gedankenwelt.
M6glicherweise liegt der Schliissel zu seiner abgebrochenen Schullaufbahn in diesem Roman. Lange vor der Schriftstellerei hat Boon seine kiinstlerische Berufung bereits in der Malerei gesehen. Aus eigener Anschauung kenut er das Ringen um Ausdrucksformen, und er hilt seine Figur immerhin in so weirem Abstand vom Modell, dag Bie in zwei Stenen Bucher fiber van Gogh leses kans.
Die deutsche Fassung versucht das flämische Sprachkolorit wiederzugeben, etwa in den Anredeformen „Ihr” und „Mijnheer”. Man bemerkt auf angenehme Weise die Kooperation der Obersetzerin, eiser ehemaligen Lektorin, mit dem akademischen Herausgeber. Bis jetzt liess sich mit den gepflegten deutschen Ausgaben aber kein Geschift coachen, und inzwischen ist auch die belgisch-niederländische Stiftung zur Förderung der Übersetzung Niederländischer Literatur nach 35jährigem Bestehen aufgrund eines Riickzugs der Flamen aufgelöst worden.
Die Zukunft der Boon-Werkausgabe, von der nun drei Binde vorliegen, ist noch ungewiss. Im übrigen gibs es auch hierzulande Schwierigkeiten mil dem “religiös-phallischen” Roman „Der Paradiesvogel” der mittleren Phase von 1958, der als nachster Band erscheinen soll.
Hoffentlich kinnen allen Schwierigkeiten zuur Trott auch weiterhin Boons Bucher in der augergewöhnlich ansprechenden Gestaltung des Selinka-Verlags erscheinen. Die historischer Romane aus den siebziger Jahren beispielsweise, die von der Forschung zur Zeit völlig vernachlässigt werden, erproben mit Collage- und Filmtechniken erstaunliche Wege.

Louis Paul Boon: Abel Gholaerts. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen; herausgegeben und mit einem Nachwort von Carel ter Haar; Verlag Peter Selinka, Ravensburg 1990; 432 S., 39,– DM

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